Charles Tournemire gehört sicherlich zu jenen Komponisten, bei denen Rang und Wirkung in einem merkwürdigen Missverhältnis stehen. Als Schüler César Francks kann er zu den originellsten Musikerpersönlichkeiten seiner Epoche gerechnet werden, und seine musikhistorische Bedeutung – auch als Wegbereiter für Olivier Messiaen – ist womöglich weitaus größer, als es der verhältnismäßig geringe Umfang der bisherigen Forschung nahelegt. Genau in diese Lücke möchte der vorliegende Sammelband stoßen, der aus dem internationalen Symposium „Musique mystique” hervorgegangen ist, das vom 28. bis 30. April 2022 an der Folkwang Universität der Künste in Essen stattfand.
Die Herausgeber Philip Feldhordt und Matthias Geuting (beide Folkwang Universität) sowie Stefan Keym (Universität Leipzig) haben einen dreisprachigen Band vorgelegt, der die Forschungslage zu Tournemire auf einen Schlag erheblich verdichtet. Die Beiträge verteilen sich auf Musikwissenschaft und Musiktheorie und verfolgen eine kluge inhaltliche Dramaturgie: vom vergleichsweise bekannten Orgelschaffen über die Symphonien, die Kammer- und Klaviermusik bis hin zu den Opern und Memoiren – also von der gut erforschten zur bislang kaum beachteten Werkgruppe.
Den Auftakt bildet Stefan Keyms Überblicksbeitrag zur Schlüsselfunktion des Chorals im instrumentalen Schaffen Tournemires. Zu den gewichtigsten Abschnitten zählen gleich drei Beiträge zu „L’Orgue mystique“, dem mehrteiligen Orgelzyklus, der Tournemires Bekanntheit bis heute trägt: Stephen Schloesser beleuchtet das bislang weitgehend vernachlässigte „symbolistische Libretto” des Werkes, Stefan Klöckner untersucht es im Kontext des gregorianischen Chorals und des renouveau catholique, Birger Petersen analysiert Satztechnik, Liturgiebezug und Rezeptionsgeschichte. Zusammen ergeben diese drei Aufsätze so etwas wie eine kleine Monographie zu diesem Großwerk. Matthias Geuting widmet sich der Symphonie-Choral op. 69 von 1935, einem Spätwerk, das Tournemires originelle Orgelästhetik auch jenseits des Kirchenraums zeigt. Weitere Beiträge von Thierry Dubau, Julian Caskel und Philip Feldhordt erschließen die acht Symphonien – ein Repertoire, das selbst unter Spezialisten kaum bekannt ist. Hier liegt vielleicht der größte Erkenntnisgewinn des Bandes: Tournemire erweist sich als Symphoniker von eigenwilligem Format, der weder dem deutschen noch dem französischen Modell widerstandslos folgt.
Auch die weniger zugänglichen Werkbereiche kommen zu ihrem Recht: Jean-Emmanuel Filet rekonstruiert das frühe musikalische Umfeld in Bordeaux und Paris, Kurt Lueders widmet sich dem Harmonium-Schaffen, Andreas Jacob analysiert die Douze Préludes-Poèmes für Klavier mit ihren südindischen Skalenmodellen. Für die vokalen und dramatischen Werke – Lieder, Oratorium, Opern – stehen Beiträge von Hanna Fink, Matthias Brzoska, Anja Arend, Elisabeth Schmierer und Paul Thissen. Den Abschluss bildet Jean-Marc Leblans Beitrag zu den Memoiren, der die eigenwillige Persönlichkeit des Komponisten noch einmal zeichnet.
Methodisch und stilistisch ist die Beitragssammlung naturgemäß heterogen – das gehört zum Wesen eines Tagungsbandes. Einige Aufsätze sind stark analytisch ausgerichtet, andere eher kulturhistorisch oder interpretatorisch. Das Nebeneinander dieser Perspektiven ist aber gerade eine Stärke des Bandes, weil Tournemires Musik selbst an so vielen ästhetischen, religiösen und stilgeschichtlichen Schnittstellen operiert. Die Einleitung der Herausgeber schlägt die Bögen souverän und hilft beim Orientieren.
Fazit: „Poesie und Mystik“ ist die bislang umfassendste deutschsprachige Publikation zu Tournemire und ein wesentlicher Beitrag zur Erforschung der französischen Musik um 1900–1939. Der Band eignet sich sowohl als Einstieg für musikhistorisch Interessierte als auch als Referenzwerk für Forschende. Wer Tournemires Musik kennt und schätzt, wird ihn nach der Lektüre mit anderen Ohren hören; wer ihn noch nicht kennt, bekommt viele gute Gründe, dies zu ändern.
Tobias Leschke