logocontainer-upper
logocontainer-lower
22.03.2026
Blickpunkt

Aus dem Stundenbuch einer:s Organist:in

Gedanken aus der Praxis in fiktivem Gewand...

Ein goldgeädertes Zingulum liegt auf dem Ankleidetisch, Pastor Y. bleibt auf der Schwelle stehen, sondiert die Lage und gibt sich selbst hinein: „Guten Morgen“ dröhnt es vermeintlich jovial, eher linkisch durch die Sakristei – wir wissen alle, dass es der üblich heitere Auftakt mit ungewissem Ausgang ist -. Gesichtswechsel: „Zum Schluss bitte Christi Mutter.“ „Natürlich, wenn das Dein Wunsch ist.“ (Ein stilles Lächeln des Gegenübers; in diesem Moment vom Bundesbürger zum jahrhundertealten Erfüllungsgehilfen degradiert.) „Als Übergang in die Passionszeit.“ Gewiss, denke ich, und sehe Professor B vor uns sitzen, Pastoralliturgik, mit heiterer Miene anführend, warum dies Lied als eines von wenigen eine Karikatur seiner selbst sei, mit einem Tango unterlegt: Christi Mutt-ter steht mit Schmerzen, an dem Kreuz und weint von Herr-zen. Die Dame mit Links, der Herr mit Rechts. Standardtanz, Grundschritt, erste Stunde. Eine Lachnummer der Kirchlichkeit oder ein inniges Zeugnis barocker Lieddichtung? In den 2000er Jahren wurde das neue Gesangbuch konzipiert und Kommissionen aus dem deutschsprachigen Raum werteten repräsentative Liedumfragen aus und stritten akademisch und pastoral um diejenige Melodievariante, die für die nächsten 50 Jahre landauf und -ab gesungen werden solle. Das bestürzende Zerrbild mancher Umfrageergebnisse zeigte deutlich: ein:e Kirchgänger:in, die heute votiert, tut dies emotional und nicht akademisch-pastoral. Es geht darum, was ich mit einem Lied verbinde, mit wem ich es wann zuerst gesungen habe, welche kindliche Inbrunst abseits des noch so blumigen Textes auch Jahrzehnte später noch dabei in mir schwillt; es geht um Prägung und Sozialisation. Nicht um Christusbild, Mutterprojektionen und das Trauma sterbender Söhne, noch nicht um eine Ausdeutung „durch den Staub ans Licht“, es geht um Mitgefühl, um Einfühlungsvermögen, unverbrüchliche Bindungen und die bange Hoffnung, es möchten sich am Rande des Todes neue Bande schließen: die irdische Aufgabe erlischt, der Sinn des Lebens vollendet, die erzählte Erinnerung hält die Toten lebendig und die Trauernden übernehmen gegenseitige Fürsorge.

Nicht, dass mir all das in Sekundenschnelle am Sakristeitisch eingefallen wäre, nein, da beschlich mich nur eine klamme Ahnung verpasster Chance, üblicher Weisung und einem routinierte Hundeschütteln, wonach ich meinen Dienst gut spielen konnte.

Die korrigierende Selbstfrage bleibt: warum wähle ich ein Lied aus, wegen der Textbezüge, der Kirchenjahreszeit, dem Repertoire der Gemeinde, dem emotionalen Gehalt, persönlicher Gründe oder Beliebigkeit?

Wir müssen nicht alles erklären und unseren guten Wille zum Altar tragen, in selbigem sind wir hoffentlich schon geeint anwesend… Aber sind in der gemeinsamen Musik, im gesungenen Lied, mit dem Weihrauch aufsteigenden gregorianischen Choral genauso wie mit NGL und zeitgenössischer klassischer und populärer Kirchenmusik erhoben in Göttlichkeit!

 

 

Weitere Einträge

Blickpunkt Berufsverband Kirchenmusiker Paderborn und bundesweit

Ersten Geburtstag feiert unser diözesaner Verband der katholischen Kirchenmusiker:innen im Erzbistum Paderborn. Gegründet wurde er auf der Frühjahrs-Klausurtagung der Leuchtturm- und Dekanatskirchenmusiker:innen 2025 und unlängst nahmen Vertreter aus unseren Reihen bei der Bundeskonferenz teil.
© Winkhaus/Stachowitz

Blickpunkt Orgelsommer in den Sommerferien

Der 12. Orgelsommer an der Propsteikirche in Dortmund startet am 17. Juli in Kooperation mit der TU Dortmund. Die darauffolgenden Termine, immer freitags 19.30h bieten unterschiedliche Orgel-Plus und Orgel-Solo Abende...
© Victoria Issinger KHG Dortmund

Blickpunkt Franziskusfest Dortmund 12.04.2026 musikalischer Auftakt

Live simple, live ahead - „einfach leben“ ist das Motto des diözesanen Fests, für das sich projektweise Chor und Band zusammenfinden: Musikalischer Auftakt mit NGL und einem neukomponierten Mottolied. Du bist versiert auf einem Instrument unterwegs oder singst gern? Lies weiter und komm dazu!