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25.06.2026
St. Magdalena, Lütgendortmund
Blickpunkt

Halldrommeten im Land der Träume

Das Oratorium „Moses“ von Max Bruch, op. 67 „Rotte, schaff Rath! – Benedeite Wallfahrt! – Ein Fürst, ein Großer! – Aus Aegyptenland hinaus, in das verheiß‘ne Land.“

Solche und viele andere Wortgebilde aus dem Text von Ludwig Spitta bleiben Zuhörenden und Ausführenden, Sängerinnen und Sängern, im Gedächtnis nach einer prächtigen Aufführung des selten zu hörenden Bruchschen Werks am Sonntag, den 21. Juni 2026 abends in St. Magdalena, Lütgendortmund.

Die Uraufführung hatte im Januar 1895 in Barmen (heute Wuppertal) stattgefunden, 1892 war der Kirchbau von St. Magdalena, Lütgendortmund vollendet worden: man hatte also die seltene Gelegenheit die Musik in einem sehr gut erhaltenen Gebäude ihrer Zeit zu hören. Ein Backsteinbau mit reichhaltiger, bunter Ausmalung; eine Kirche unter dem Landespatronat Nordrhein-Westfalens, die einerseits eine Zeitkapsel des Wilhelminimus‘ darstellt (Ausmalung, Raumproportion usw.) und andererseits ein modernes Fries des Künstlers Thomas Jessen als Wandbemalung im rechten Seitenschiff beherbergt.

Der Philharmonisches Chor des Musikvereins Dortmund e.V. (1845 gegründet) sang unter der Leitung von Granville Walker, der die Dortmunder Philharmoniker, drei Gesangssolisten und den Chor inspiriert, zugewandt, mit Leichtigkeit und Frische durch die Klangfluten des abendfüllenden Werkes führte; eine herausragende Leistung aller Beteiligten.

Das Programmheft des Abends hält neben dem gesamten Libretto, so dass jede:r die teils altertümlichen Redewendungen gut nachvollziehen konnte, leicht zugängliche Details zum Werk, seinem Aufbau, der musikalischen Struktur und dem spezifisch Bruchschen bereit. Dort heißt es: „Moses ist kein statisches Oratorium im traditionellen Sinne, sondern ein vielschichtiges „biblisches Drama“, das musikalische Erzählung und seelische Zustände eng miteinander verknüpft.“ Die vier Abschnitte der Handlung wurden jetzt, wie damals, von einer großen Pause geteilt: am Berg Sinai/10 Gebote, der Tanz ums goldene Kalb, die Rückkehr der Kundschafter aus Kanaan und das Land der Verheißung/Moses Tod und Verklärung.

Die Titelrolle des Moses war dem Dortmunder Bass Gerrit Miehlke wie auf den Leib geschneidert: in stets sonoren Tiefen, einheitlich geführter Stimme bis in die höchsten Töne seiner dramatischen Partie, die „zwischen Sendungsbewusstsein, Zweifel und Überforderung“ changiert, konnte er durch seine rhythmische Präzision und wachem Ausmusizieren seinen Fokus ganz auf die inhaltliche Ausgestaltung legen; zahlreiche deklamatorische Höhepunkte, wo Schlaglichter des Orchesters und sein Singen sich immer wieder ins Wort fielen und beflügelten, wechselten zu Kantilenen mit ausufernden Phrasenlängen.

Aaron, als Mittlerfigur zwischen Moses und dem Volk, wurde von dem gebürtigen Briten Hugo Mallet gesungen: als Stimmfach eine fast heldenhaft angelegte Tenorpartie, die er mit Schmelz, bestem Fokus und allzeit bereiter Attacke für die unzähligen Spitzentöne dieser Rolle zu veredeln wusste. Nur eine reife und gleichzeitig junggebliebene Stimme, wie seine, vermag die opernhafte Singfreude mit der oratorischen Noblesse zu paaren; beide Genres singt er gleichermaßen seit Jahrzehnten. Phonetisch bis ins kleineste Idiom der deutschen Singsprache sattelfest und selbstverständlich krönte er dann noch das Ende seiner Partie mit einem hohen H auf dem Wort „Sieg“ – und ließ Assoziationen zu den früheren Größen seines Fachs aufkommen.

Als Gegenwart des Göttlichen, Ruhepol und überirdische Instanz ist das Sopran-Solo des Engel des Herrn zu verstehen: die Freiburgerin Katharina Persicke begeisterte mit der stimmlichen Bandbreite ihrer großen, lyrischen Stimme – wie man sie wirklich selten hört – in tiefer Lage klar und entspannt, mit atemberaubenden Mezza-di-voce-Schwelltönen und einer satten Fülle und Höhe, die dem Orchester stets Paroli bot. Dabei wirkte ihr Singen unangestrengt, den Text bis in kleinste Wendungen auskostend und bestach durch seine perfekte Führung, sowohl atem- als auch stimmtechnisch. Eine seltene, individuelle Sopranstimme mit Ausnahmecharakter.

Darüber, dass Granville Walker mit dieser Solisten-Auswahl die perfekte Besetzung für diesen Abend und dieses Werk getroffen hatte, waren sich Publikum, Chor und Orchester einig.

Max Bruch hat in seiner Anlage des Oratoriums – wohlwissend um den großen Orchesterapparat, dessen Klangfülle er vorsieht – die Abfolge von Soli und großen Chorszenen kräftefreundlich gestaltet, so dass alle Singenden regelmäßig längere Pausen finden, um Kraft für den nächsten Einsatz zu sammeln.

Der Chor bestach an diesem Abend mit stimmlicher Präsenz, Farbigkeit und der Bewältigung eines Pensums, wie man es sonst doch eher von Rundfunk- und Opernchören erwarten würde. Die Männerstimmen sangen einige chorische Solophrasen, die Frauenstimmen umwebten den Engel des Herrn und besonders die ersten Sopräne präsentierten lange Hochton-Passagen über den erweiterten Harmonien der Gesamtpartitur. Dazwischen brachte der Gesamtchor eine Vielzahl unterschiedlicher Gemütszustände des Volkes Israel auf seiner Reise differenziert zum Ausdruck: sowohl in der Verwendung der musikalischen Formen, vom atmosphärischen achtstimmig-homophonen Chorsatz, deklamatorisch-rhythmisch versetzte Kanonstrukturen, klassischen Fugati, ländlerhaft-bokulischer Freude und der schieren Majestät eines Seraphen-Chores, der die Herrlichkeit Gottes verkündet, als auch in der stimmlich-dynamische Bandbreite von ätherischen Pianissimo-Phrasen, knackigen Martellato-Rufen, elegischem Schwelgen und strahlenden Klangsäulen.

Die Doppel-Orgelanlage der katholischen Magdalenen-Gemeinde ermöglichte das konzertierende Zusammenspiel mit allen Beteiligten vom Spieltisch der Chororgel aus, so dass sowohl der leiseste Moment zwischen Engel und Orgel sakral klang, aber auch im abschließenden Tutti von Chor und Orchester die volle, große Orgel ihre Klangkrone obenauf zu setzen wusste.

Die Dortmunder Philharmoniker, von denen wohl kaum eine:r dieses Werk von Bruch zuvor gespielt haben mag, feuerte mit Klanglust, Spielfreude und Verve die epischen Klanglandschaften Bruchs Partitur in die ungewohnte Kirchenakustik. Die Instrumentengruppen bestachen in ihren Gruppen-Soli genauso wie in differenziert-spätromantisch orchestrierten Abfolgen von Höhepunkten und rhapsodischen abreißenden Kaskaden. Vieles am Orchestersound und manches Motiv von Max Bruch erinnerte an die Filmmusik eines Kinoepos‘, wie man sie aus den letzten Jahrzehnten kennt.

Ein Konzertbesuch, der eine Entdeckung, mancherlei Überraschung und „richtig was auf die Ohren“ brachte. Damit hat der Vorstand des Musikvereins und seine musikalische Leitung wieder einmal gezeigt, wie wichtig es ist, Nischen-Repertoire ins rechte Licht zu setzen und den Mut zur Wiederentdeckung nicht sinken zu lassen.

DKM Simon Daubhäußer, Dortmund

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