Den Auftakt machte die Merseburger Domorgel, in einem Gebäudeensemble mit Kreuzgang, Schloss und anrainend gut erhaltenen Häusern dieser einst prächtigen und mächtigen Fürstenpfalz. Das Instrument ist von Friedrich Ladegast mit vielseitigem Pfeifenwerk: teilweise bestehend aus dem ursprünglichen Instrument, weiten Erneuerungen 1866 und modernen Rekonstruktionen.
Zwei Merseburger Zaubersprüche wurden von der Kirchenführerin rezitiert, Mittelhochdeutsch mit Ruach in der Stimme. Wir hatten Glück, ein Reisesegen war dabei…
Der dreiteilige Bach-Weihnachtsoratorium-Film der ARD spielt szenenweise auch auf der Empore der Merseburger Orgel und im Kirchenschiff. Das Kollegium war angehalten einander gegenseitig aufzuspielen und in Literaturstücken und Improvisationen die Orgel vorzustellen.
In Dresden angekommen stieß gleich unser früherer Kollege Sebastian Freitag zur Gruppe, der seit einigen Jahren Domorganist an der Dresdner Kathedrale/Hofkirche ist.
Durch ihn hatten wir vor der offiziellen Öffnungszeit der Kreuzkirche am nächsten Morgen die Möglichkeit das neobarocke Klangbild der Mauersberger-Ära der Kreuzkirche mit ihrem rauen Innenputz und der schlichten Strenge des Nachkriegswiederaufbaus zu erleben; in der Seitenkapelle eine Friedensausstellung mit S/W-Fotografien und Zitaten der französischen Philosophin Simone Weil. Die große Jehmlich-Orgel schien uns ein synästhetischer Schmelzpunkt von Prospekt und Klang, Materialien und Wechselspiel mit der übrigen Kirchenaustattung.
Weiter ging’s in die Hofkirche, wo Sebastian Freitag selbst uns „seine“ Silbermann-Orgel vorführte und jede:r nach Lust und Laune ausprobieren konnte. Hier sind wir auch ins gut begehbare Innenleben der Orgel gestiegen und haben das historische, sanierte und rekonstruierte Meisterwerk in seiner handwerklichen Finesse bestaunt; mindestens zwei Geschosshöhen, die sich hinter dem zurückhaltenden 16‘-Prospekt verbergen.
Der Nachmittag war geprägt vom Ausflug nach Dresden-Strehlen an die romantische Jehmlich-Orgel der Christuskirche von 1904/5, voll-pneumatische Anlage, 2015 saniert und im Originalzustand spiel- und hörbar. Der ortsansässige junge Kollege Robin Gaede stellte das Instrument in seinem Jugendstil-Ambiente mit Werkausschnitten Max Reger vor und war an dem individualistischen Spieltisch der Gebrüder Bruno und Emil Jehmlich ein kundiger Ratgeber, Registrant und gewinnender Entertainer, der die Gratwanderung
zwischen Humor, Kennerschaft, Können und Hilfsbereitschaft gelingen ließ.
Danach ging es noch in die preußisch-pünktlich reglementierte Frauenkirche, einem Touristenmagneten der Innenstadt. In Abendandacht und Orgelspiel gefolgt von einer Kirchenführung (von der Kanzel aus) konnten wir uns davon überzeugen, dass persönliche Ansprache, missionarisches Sendungsstreben und eine gewisse Schwelle im gesellschaftlichen Interagieren nicht nur Probleme des katholischen Westfalens und des Ruhrgebiets sind, sondern dass sich die christlichen Kirchen im Taumelgang zwischen musealer Bewahrung und aufbrechender Gläubigkeit zwischen Ost und West die Hand reichen können.
Das exklusive Erklimmen der 20 Jahre alten Kern-Orgel mit zugewandten Erläuterungen und prägnanten Klangbeispielen durch Niklas Jahn entließ uns versöhnt in den gemeinsamen Abendausklang im angrenzenden Augustinerkeller.
Auf der Rückreise nach Hause standen zwei bzw. drei weitere Highlights der Orgellandschaft auf dem Programm: die Trost-Orgel (1739/1976) der Schlosskapelle Altenburg, die Bach-Orgel (Woehl 2000) der Thomaskirche in Leipzig und deren romantische Schwester von Wilhelm Sauer (1889/1908/1993/2005 (Scheffler)).
In Altenburg – vielen als Wiege des deutschen Spielkartenblatts und des Skat-Spiels bekannt – wurde uns die Orgel durch einen Kantorenkollegen aus der Nachbarstadt vorgestellt, zu dem die Information, dass wir alle „vom Fach“ sind leider nicht durchgedrungen war. So bekamen wir auf der gegenüberliegenden Empore – einen Steinwurf entfernt – sitzend, das Orgelwerk in all seiner Farbigkeit in einem 30-minütigen Parforceritt durch die Musikgeschichte präsentiert.
Derart geläutert trafen wir in der Leipziger Thomaskirche auf den feinsinnig-inspirierten Organisten Ivo Mrvelj, aktueller Assistent des Thomas-Organisten. In pointierten Kurzimprovisationen ließ er die Qualitäten der Bach-Woehl-Orgel als historisches Klangzeugnis desjenigen Instruments, das seinerzeit den jungen Johann Sebastian Bach geprägt hatte, wiederaufleben. Ebenso stilsicher führte er in einem elegischen Registercrescendo die Walze der Sauer-Scheffler-Orgel kurz und bündig vor.
Für die Kolleginnen und Kollegen in der Kirchenmusik war es eine außerordentliche Gelegenheit einander im Rahmen dieser gemeinsamen Fortbildungsreise neu, wieder, besser kennenzulernen.
Besonderer Dank gilt an dieser Stelle Rita Kramer und Marco Düker aus dem Referat Kirchenmusik im Generalvikariat für Organisation, Absprachen und Begleitheft und Dr. Tobias Leschke, unserem neuen Fachleiter Kirchenmusik, der bereits im ersten Amtsjahr die Zeichen der Vorjahre gedeutet hat und die verstreut amtierende Kollegenschar zu neuer Gemeinschaft einlädt.
DKM Simon Daubhäußer