Im Zentrum, wie jedes Jahr, stand der Hohe Dom. Domorganist Tobias Aehlig trug während der Liboriwoche ein umfangreiches Programm: Er begleitete die Pontifikalgottesdienste, die Chöre unter Thomas Berning und den traditionellen Liborituschs. Zum Höhepunkt geriet die europäische Uraufführung des „Backhaus Introit” für Trompete und Orgel des australischen Komponisten Gordon Kerry, ein Auftragswerk zur Erinnerung an den Paderborner Geistlichen Wilhelm Backhaus. Jörg Segtrop an der Trompete und Aehlig an der Orgel gaben dem Werk seine erste Stimme in Europa.
Beim traditionellen Libori-Orgelkonzert führte Aehlig das Publikum mit Wagner, Welmers und Jongen von der schwelgerischen Romantik bis in die Klangwelten der Moderne, während Monitore im Kirchenschiff das Spiel an den Manualen sichtbar machten, ein Fenster in eine sonst verborgene Werkstatt.
Nur wenige Gehminuten entfernt hatte sich die Gaukirche St. Ulrich in einen ganz eigenen Resonanzraum verwandelt. Unter dem programmatischen Titel „Der Klang Gottes” luden die City Pastoral Paderborn, das Dekanat Paderborn, die Pfarrei St. Liborius und die Pop-Kantoren im Erzbistum Paderborn vom 26. Juli bis 1. August zu sechzehn Konzerten in sieben Tagen. Kaum ein Genre fehlte: Worship-Klänge von Clara Schütte und Sue Turner trafen auf die leisen Töne der Singer-Songwriterin Laura Inés, der Frauenchor Sound Around wechselte zwischen Gospel und Pop, das Vokalquartett Suono di Sorgente zwischen unterschiedlichen Musikstilen. Ein Abend widmete sich unter dem Titel „Klang der Religionen” ausdrücklich der Vielstimmigkeit des Glaubens selbst. Am Freitag schließlich begegneten sich in der Gaukirche zwei Welten, die selten denselben Raum teilen: Die Choralschola St. Jodokus Bielefeld sang unter DKM Simon Schuttemeier Gregorianik, ergänzt durch Orgelmusik von Tobias Leschke, und wenig später verwandelten Popkantor Nils Kollmeier und Tobias Leschke unter dem Titel „Bach & Beats” die Kirche in eine Bühne, auf der Orgel und DJ-Pult miteinander ins Gespräch kamen. Ein kühner Kontrast, der zeigte, wie elastisch kirchenmusikalische Grenzen sein können, wenn man sie nur zu ziehen wagt. Zum Ausklang der Reihe sorgten Andrea De Biaggi und Nils Kollmeier sowie das Ensemble Guglhupf mit Musik vom Mittelalter bis zum Frühbarock für einen stimmungsvollen Schlusspunkt. Begleitet wurde all dies von täglichen Mittagsimpulsen und einer Ausstellung im Seitenschiff, und an den meisten Tagen reichten die Plätze kaum aus, so groß war der Zulauf.
Ein deutliches Signal dieser Woche aber setzte, mit leiser Selbstverständlichkeit, die evangelische Abdinghofkirche. Dass eine evangelische Gemeinde ihre Türen mitten in einer genuin katholischen Festwoche öffnet und zur Orgelmusik einlädt, ist keine Randnotiz, sondern ein Statement gelebter Ökumene. Kreiskantor Tim Gärtner organisierte vom 25. Juli bis 1. August erneut die Reihe „30 Minuten Orgelmusik zu Libori”, mit täglichen Mittagskonzerten renommierter Organistinnen und Organisten aus dem In- und Ausland. Gärtner selbst nutzte mehrere Konzerte, um die Abdinghof-Orgel dem Publikum von innen zu zeigen: Eine Kamera übertrug die Arbeit an Manualen und Pedal live auf eine Leinwand, ergänzt um Erläuterungen zu Aufbau und Funktionsweise des Instruments, eine Einladung, hinter die Kulissen der „Königin der Instrumente” zu blicken.
Mehr als 1000 Besucherinnen und Besucher fanden während der Liboriwoche den Weg in die kostenlosen Konzerte der Abdinghofkirche. Am Ende der Reihe wurde dort auch für die dringend erforderliche Orgelsanierung gesammelt, ein Zeichen dafür, dass Begeisterung sich auch in konkrete Unterstützung übersetzen lässt.
Was bleibt, wenn die letzten Töne verklungen sind? Vielleicht dies: Dass die Orgel, dieses zutiefst kirchlich assoziierte Instrument, in Paderborn zu Libori 2026 keine Konfession kannte. Sie erklang im Dom wie in der Gaukirche wie in der Abdinghofkirche, mal feierlich, mal experimentell, immer aber als gemeinsame Sprache einer Stadt, die sich musikalisch nahesteht.
Tobias Leschke