„Nova ex antiquis“, Neues aus dem Alten: Unter diesem Leitgedanken feiert die Liebfrauenkirche Hamm das 20. Jubiläum ihrer Goll-Orgel. Das Instrument der Luzerner Werkstatt wurde am 1. Oktober 2006 eingeweiht; mit 52 Registern ist es die größte Orgel der Stadt Hamm. Die Orgelnacht im Rahmen des Festivals „Orgel plus Hamm“ zeigt, dass beides zusammengehört: Neue Musik, die aus der Tradition schöpft, und eine Tradition, die sich immer wieder neu befragen lässt.
Ein Instrument für Altes und Neues
Die Goll-Orgel ersetzte ein Instrument der Paderborner Firma Anton Feith, das 1935 und 1936 in zwei Bauabschnitten entstanden war und zuletzt 46 Register umfasste. Das Klangkonzept der neuen Orgel geht auf einen Dispositionsentwurf von DKM Johannes Krutmann zurück. Es orientiert sich an der französischen Romantik, ohne diese zu kopieren, und bietet mit einer großen Palette an Klangfarben eine große stilistische Bandbreite. Eine leicht ungleichschwebende Stimmung nach dem System Frischknecht II und eine flexible Windversorgung sorgen für einen lebendigen Klang, der sich in der kathedralhaften Akustik der 1911 geweihten Kirche voll entfaltet. Diese Vielseitigkeit schätzen auch international renommierte Gäste wie Olivier Latry, Daniel Roth, Ben van Oosten, Wolfgang Seifen und Winfried Bönig. Gerade die Nähe zur französischen Klangtradition macht die Orgel zu einem idealen Instrument für Neue Musik: Farben, Mischungen und feine Übergänge, wie sie „Peregrinus“ verlangt, sind hier selbstverständlich.
Zum Auftakt: Domorganist Tobias Aehlig
Um 19 Uhr eröffnet der Paderborner Domorganist Tobias Aehlig den Abend mit William Byrd, einer Improvisation über Anrufungen der Orgelweihe und Joseph Jongens „Sonata eroica“.
Neue Musik zu alten Melodien
Um 20 Uhr wird das von Dekanatskirchenmusiker Johannes Krutmann herausgegebene Orgelbuch „Nova ex antiquis“ vorgestellt: 16 neue Choralvorspiele zu gregorianischen Melodien, darunter Werke des aus Hamm stammenden Komponisten Christoph Althoff. Erst vor wenigen Tagen wurde die Sammlung in der Liebfrauenkirche vollständig eingespielt. Es spielen Kathrin Borda, Marco Düker, Dr. Tobias Leschke und Dr. Dominik Susteck sowie Johannes Krutmann, der die Gesamtleitung hat. Die CD erscheint Ende des Jahres.
Der Jakobsweg als innere Bewegung
Eine Stunde später steht Susteck dann als Komponist im Mittelpunkt: Um 21 Uhr erklingt die Uraufführung seines Orgelzyklus „Peregrinus“. Der Fachbereich Kirchenmusik des Erzbistums Paderborn hat das Werk in Auftrag gegeben und finanziert, auf Initiative von Johannes Krutmann entstand es eigens für die Goll-Orgel.
In sechs Sätzen und rund 40 Minuten versteht Susteck den Jakobsweg nicht als Reiseroute, sondern als Weg der Wahrnehmung. „In Gedanken“ öffnet einen inneren Raum voller Erwartungen, in „Kilometersteine“ wird das Gehen körperlich spürbar. „Signale der Nacht“ lenkt das Ohr auf vereinzelte Klänge, wo das Auge nichts mehr sieht, und in „Echoschluchten“ antwortet die Umgebung dem Pilger. Mit „Lichtung“ weitet sich der Klangraum, bevor „Nachklang“ bewusst auf ein triumphales Ende verzichtet: Der Weg hallt nach, statt anzukommen. Bilder vom Camino begleiten die Aufführung.
„Musik entsteht im Moment. Die Orgel wird dabei zum lebendigen Instrument der Gegenwart. Klangfarben, Raum, Geräusch, Stille und Bewegung verbinden sich zu einer Musik, die nur in diesem Augenblick existiert“, sagt der Komponist. Susteck, 1977 in Bochum geboren, war von 2007 bis 2021 Organist der Kölner Kunst-Station Sankt Peter und wurde als Komponist unter anderem beim Deutschen Musikwettbewerb und mit dem Schneider-Schott-Musikpreis ausgezeichnet.
Interpretin ist Mona Hartmann, seit dem Wintersemester 2025/26 Professorin für Orgel an der Hochschule für Kirchenmusik in Witten und Preisträgerin zahlreicher internationaler Wettbewerbe. Die Noten sind im Are Verlag erschienen.