Mit seinem Video-Projekt „Minden Cathedral“ hat Peter Wagner bereits viele Musikliebhaber erreicht. Nun knüpft der Mindener Domorganist daran an – mit neuen digitalen Projekten rund um die Orgelmusik. Im Mittelpunkt stehen diesmal praktische Tutorials für Organisten sowie veröffentlichte Orgel-Arrangements bekannter Pop- und geistlicher Lieder.
Schon die Reihe „Minden Cathedral“ war ungewöhnlich: Acht der zwölf veröffentlichten Stücke waren keine klassischen Orgelwerke, sondern Bearbeitungen bekannter Musikstücke – etwa von Klavierwerken, Chormusik oder Popsongs. Wagner arrangierte sie eigens für die Orgel. Besonders das Coldplay-Stück „Viva la Vida“ sorgte für Aufmerksamkeit. „Ich wollte diese Orgelarrangements eigentlich ganz gern veröffentlichen“, erzählt Wagner. Doch genau das erwies sich zunächst als schwierig: Bei moderner Musik liegen die Rechte oft bei großen internationalen Verlagen.
Nach vergeblichen Anfragen in Deutschland wandte sich Wagner schließlich direkt an den weltweit größten Musikverlag Hal Leonard Publications in Chicago – mit Erfolg. Der Verlag nahm die Arrangements unter Vertrag und veröffentlichte sie auf seinen digitalen Plattformen. „Zu meiner großen Verwunderung kam recht schnell grünes Licht aus den USA“, sagt Wagner. Für den Domorganisten ist die Zusammenarbeit mit dem internationalen Verlag ein besonderer Schritt: „Jetzt ist dieses Kapitel auch wirklich abgeschlossen, so wie es in der Maximalform gedacht war.“
Parallel dazu arbeitet Wagner seit einigen Jahren an einem weiteren Herzensprojekt: der Begleitung neuer geistlicher Lieder auf der Orgel. Daraus entstand das Lehrwerk „Playing on Leadsheets“, das inzwischen durch eine eigene Tutorial-Reihe auf YouTube ergänzt wird. Die Videos erscheinen im Wechsel mit seiner Reihe „Orgelimprovisation mit Pfiff“, die bereits im Artikel „Videos mit Pfiff“ vorgestellt wurde.
Im Zentrum steht eine Frage, die viele nebenamtliche Organisten kennen: Wie begleitet man moderne geistliche Lieder stilgerecht auf der Orgel, wenn oft nur eine Melodie mit Akkordsymbolen vorliegt? Genau dafür entwickelte Wagner ein praxisnahes Konzept. Grundlage ist eine Spieltechnik, die ursprünglich von der Hammondorgel stammt: Die rechte Hand spielt die Melodie, die linke die Akkorde, während ein Fuß die Basslinie übernimmt. „Neues geistliches Lied ist ja nichts anderes als geistliche Popularmusik“, erklärt Wagner. Entscheidend sei deshalb, die jeweiligen Musikstile glaubwürdig umzusetzen.
In seinem Lehrwerk zeigt Wagner, wie dieselbe Melodie unterschiedlich begleitet werden kann – etwa als Rumba, Tango, Cha-Cha-Cha oder Ballade. Rhythmische Patterns, Intros, Endings und Akkordvariationen sollen Organisten helfen, moderne Kirchenmusik lebendig und professionell klingen zu lassen. „So funktioniert Popmusik“, sagt Wagner. „Der Takt bestimmt die Musik.“
Die Idee zu diesem umfangreichen Projekt entstand während der Corona-Zeit. Die damals plötzlich vorhandene Zeit habe ihm ermöglicht, das Lehrwerk systematisch auszuarbeiten. Die erste Auflage erschien bereits 2020, inzwischen gibt es eine zweite. Neu hinzugekommen sind die begleitenden Video-Tutorials, die alle zwei Wochen veröffentlicht werden.
Dass moderne geistliche Musik inzwischen auch im Mindener Dom ihren Platz hat, zeigt sich besonders bei der monatlichen Reihe „Hours of Faith“. Gemeinsam mit seiner Frau gestaltet Wagner dort eucharistische Anbetungen musikalisch mit. Das Spektrum reicht von gregorianischem Choral über klassische Kirchenmusik bis hin zu modernen Lobpreisliedern aus der internationalen Worship-Szene. „Da gibt es musikalisch zum Teil richtig, richtig gute Sachen“, sagt Wagner. Gleichzeitig legt er Wert darauf, dass die Texte auch mit katholischer Spiritualität vereinbar bleiben.
Trotz aller Offenheit für moderne Musik sieht Wagner jedoch klare Grenzen. Der Kirchenraum solle ein „Schwellenraum“ bleiben – ein Ort zwischen Alltag und Transzendenz. „Ich glaube, dass es gut ist, wenn wir solche Orte auch bewahren“, sagt er. Deshalb gehe er mit populären Stilmitteln im Gottesdienst bewusst zurückhaltend um. Zwar freue er sich über positive Reaktionen auf ungewöhnliche Arrangements wie „Viva la Vida“ auf der Orgel. Dennoch wolle er vermeiden, dass Kirche bloß zur Bühne weltlicher Unterhaltung werde.
So verbindet Wagner in seiner Arbeit zwei Anliegen: die Offenheit für neue musikalische Ausdrucksformen – und zugleich die Bewahrung des besonderen Klangraums Kirche. Genau diese Spannung macht auch seine neuen Projekte aus.
Markus Jonas
Info
Die Lehrvideos von Peter Wagner werden auf seinem Kanal auf YouTube veröffentlicht: www.youtube.com/@PeterWagner23. Seine Orgel-Arrangements von „Minden Cathedral“ sind unter www.Sheet-MusicPlus.com erhältlich. Mehr unter www.peterwagner.com