Im Rahmen des Festivals „OrgelPlusHamm“ fand eine Orgelnacht mit drei Konzerten statt, anlässlich des 20. Orgeljubiläums hatte DKM Johannes Krutmanneingeladen und ein für den Anlass und das Instrument individuelles Programm zusammengestellt, das sich von herkömmlichen Jubiläumskonzerten deutlich unterschied. Gleich sieben Mitwirkende waren am Spieltisch der 2006 erbauten Goll-Orgel zu erleben. Domorganist Tobias Aehlig (Paderborn) eröffnete den Abend mit einer Fantasie von William Byrd in lebendig artikuliertem, filigran-virginalistischem Stil. Mit vier Improvisationen über Anrufungen aus der Liturgie der Orgelweihe folgte eine Reminiszenz an die Inauguration vor zwei Jahrzehnten – ein Klangkaleidoskop, das in seiner Vielfalt, Fantasie und Virtuosität schlichtweg faszinierte, ohne im Rauschen des Moments die formale Struktur zu verlieren. Die abschließende „Sonata eroica“ von Joseph Jongen hört man in Konzerten recht selten, in der brillanten Interpretation Aehligs und mit der Klangqualität der Goll-Orgel bildete dieses beeindruckende Werk den ersten Höhepunkt des Abends.
Ein Gemeinschaftsprojekt mit fünf InterpretInnen folgte als zweites Konzert. Vor vier Jahren wurden eigens für die Goll-Orgel unter dem Titel „Nova ex antiquis“ (Neues aus dem Alten) 16 Choralvorspiele über gregorianische Gesänge aus dem „Gotteslob“ von insgesamt sechs Komponisten verfasst. Erst wenige Tage vor der Orgelnacht fand eine CD-Produktion mit OrganistInnen aus dem Erzbistum Paderborn statt, nun konnte man Kathrin Borda (Hamm), Marco Düker (Bönen), Tobias Leschke (Paderborn), Dominik Susteck (Bochum) und Johannes Krutmann (Hamm) mit diesen subtilen Stücken in vielfältigen musikalischen Bearbeitungs- und Ausdrucksweisen hören. Die kleineren, eher kontemplativen Formen bildeten einen schönen Kontrapunkt und einen originellen Beitrag mit neuer Musik für diesen Ort und dieses Instrument.
Dank der Förderung durch das Erzbistum Paderborn wurde es möglich, einen Kompositionsauftrag zu vergeben und den Abend mit einer Uraufführung zu beenden. Die Idee, das Wesen der Pilgerschaft mit einer klanglichen Reflektion zu verbinden, war die Initialzündung für den neuen Orgelzyklus „Peregrinus“ von Dominik Susteck. In sechs einzelnen Sätzen wird der Jakobsweg nicht als äußere Reiseroutemusikalisch paraphrasiert, sondern wie auf einem Pilgerweg werden die Formen des Erlebens, der Wahrnehmung und der Veränderungenmusikalisch erschlossen.
Die junge Orgelprofessorin Mona Hartmann (Witten/Herford) hatte sich der Herausforderung gestellt, die Musik zum ersten Mal aufzuführen. Anhand eines QR-Codes war es möglich, eine Fotogalerie mit Eindrücken des Weges von der Haustür bis Santiago de Compostela und weiter bis Fisterra zu betrachten. Doch die Musik Sustecks ist viel mehr als ein Abbild einer Reise, sie ist keine Programmmusik, sondern erschließt innere Räume, konzentriert auf das Hören weniger Elemente, auf Veränderungen, die subtil sind, aber selbst beim ersten Hören einen konstruktiven Kontext erkennen lassen und neben avantgardistischen Eruptionen mit größter Vielfalt auch klangliche Poesie verströmen. So zogen u. a. „Kilometersteine“, „Echoschluchten“ oder „Signale der Nacht“ ihre Klangspuren durch den Kirchenraum, um im „Nachklang“ fast wieder in der Stille anzukommen. Eine faszinierte Zuhörerschaft spendete stehenden Applaus für den Komponisten und die Interpretin, die in allen Situationen den vielfältigen Anforderungen an Tasten und Registermechanik gewachsen war und große Vertrautheit mit dem Werk und der Musiksprache ausstrahlte. Freuen darf man sich auf eine CD-Produktion dieses neuen Orgelzyklus, die im kommenden Jahr erscheinen wird.
Dass diese Orgel auch nach 20 Jahren keineswegs in die Jahre gekommen ist, vielmehr immer wieder zu neuen Klängen und Ausdrucksformen inspiriert, eine unglaubliche Vielfalt an Stilen von alter Musik über das symphonische Repertoire bis hin zur Jetztzeit gut und gültig darstellen kann, ist an der Goll-Orgel der Liebfrauenkirche immer wieder faszinierend zu erleben. Oder wie ein Eintrag aus dem Gästebuch beschreibt: „Eine perfekte Orgel gibt es wahrscheinlich nicht. Aber wenn es sie gäbe – die Goll-Orgel wäre ganz, gaaanz nah dran…“
Johannes Krutmann