Meinolf Brüser hat mit den beiden Publikationen Neudeutungen bekannter Werke Bachs ins Gespräch gebracht. Es ist alles Windhauch wartet mit der These auf, der Abbruch der Fuge BWV 1080/19 sei ein „metamusikalische Darstellung des Endes des eigenen Komponierens“ (S. 133), will sagen – und das bedeutet einen Widerspruch zu allen bisherigen Deutungen – , das Werk habe Bach absichtsvoll als unvollendete Komposition zur Veröffentlichung bestimmt. Ein wichtiger Ansatzpunkt Brüsers ist dabei u. a. (vgl. die verschiedenen ausführlichen Rezensionen z. B.in Die Tonkunst und in Die Musikforschung) die Gematrie, also die Übersetzung von zahlhaft zu fassenden Strukturen in ein Zahlenalphabet, mit dessen Hilfe schlussendlich z. B. ein bestimmter Name als in der musikalischen Faktur verschlüsselt erscheint. Berühmtes und auch von Brüser benutztes Beispiel ist B+A+C+H = 2+1+3+8 = 14. Die abbrechende Fuge ist die 14. innerhalb der Kunst der Fuge, und der Abbruch erfolgt in Takt 239, dessen Quersumme ebenfalls die Zahl 14 ergibt. An dieser Stelle scheint Brüser deutlich zu werden, dass Bach der Musik das Ende seines Komponierens eingeschrieben hat.

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In Wenn Bach trauert sucht Brüser nachzuweisen, dass die Motetten Bachs sich weniger einem Auftrag als vielmehr einer persönlichen Trauersituation des Komponisten verdanken. Als zentrale Indizien gelten das B-A-C-H-Motiv und auch hier die gematrische Verschlüsselung des Namens. Ob Bach „das B-A-C-H-Motiv tatsächlich nur dann verwendet hat, wenn es um einen unmittelbaren Bezug zur Bach-Familie ging“ (S. 195) darf in dieser Verallgemeinerung zumindest angezweifelt werden. Hinsichtlich der Gematrie greift Brüser in der ersten Publikation nicht nur auf die 14, sondern auch auf die Umkehrung 41 sowie auf die Zahlen 77 und 167 zurück, deren Quersumme 14 ist. Trotz mitunter plausibel erscheinender Zahlensymbolik ist jedoch nicht in Abrede zu stellen, dass die Exegese Bachʾscher Kompositionen vor allem auf der Basis komplexerer zahlhaft zu fassender Strukturen wie z. B. der Quersummenbildung alles andere als eindeutig ist. Insofern sind die Ergebnisse beider Bücher durchaus diskussionswürdig. Fest steht hingegen, dass Brüsers Texte eine höchst intelligente Auseinandersetzung mit Bachs Motetten und seiner Kunst der Fuge präsentieren und die Lektüre mehr als lohnend ist, weil sie zwangsläufig ein tieferes Eindringen in beide Werkkomplexe zur Folge hat.
Paul Thissen