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26.10.2026
Paderborn
Neuigkeiten

Netzwerktage Neue Musik 2026

Zum dritten Mal fanden die Netzwertage für zeitgenössische Orgelmusik im Liborianum statt. Vielfältig und auf hohem künstlerischem Niveau präsentierten die Teilnehmenden Musik und Gedanken zu neuen Wegen in der Kirchen- und Orgelmusik.

Elisabeth Fußeder (Freiburg) stellte ihr Chor- und Orchesterstück cross//bach vor. Fragmente aus Bachs Oster- und Himmelfahrtsoratorium werden darin in einen neuen Sinnzusammenhang gestellt und in eine musikalisch-dramatische Sprache der Gegenwart überführt.

Die Organistin Annie Bloch (Köln) präsentierte ihr Album luvt, für das sie sphärische Klänge einer Truhenorgel loopbasiert schichtet und verfremdet. Im Abendkonzert gab sie mit einem längeren Ausschnitt Einblick in das Werk.

Kerstin Petersen (Hamburg) berichtete von ihrem künstlerischen und editorischen Forschungsprojekt zur Komponistin Ruth Zechlin, deren Geburtstag sich 2026 zum hundertsten Mal jährt. Mit ausgewählten geistlichen Kompositionen zeigte sie die stilistische Bandbreite der Komponistin.

Dominik Susteck stellte seinen sechsteiligen Orgelzyklus Peregrinus vor, den er im Auftrag von Johannes Krutmann als musikalische Reflexion des Jakobswegs komponiert hat.

Sarah Proske präsentierte Buxtehudes Traum, das Pflichtstück des diesjährigen Buxtehude-Orgelwettbewerbs in Lübeck. Aus den Tonbuchstaben des Komponistennamens entwickelte sie eine vielschichtige Komposition, die unter anderem zahlreiche Anweisungen zum Ziehen einzelner Register an der historischen Stellwagen-Orgel enthält.

Eloain Lovis Hübner gab Einblick in Werke für Orgel solo, Elektronik und Ensemble. In silben vermessener zeit, einem Werk für das Erzbistum, wird etwa ein Reger-Choral dekonstruiert und zeitlich gedehnt.

Frank Danksagmüller, Professor an der Musikhochschule Lübeck, stellte das dortige organ:lab vor, ein interdisziplinäres Labor für experimentelle Orgel- und Kirchenmusik. Anhand individueller Projekte seiner Studierenden zeigte er, welches Potenzial in einer kreativen Auseinandersetzung mit dem Instrument jenseits historischer Konventionen liegt. Für das Abschlusskonzert brachte er einen Gehirnwellenscanner mit, dessen Signale er für Improvisationen an der Orgel und mit elektronischen Klängen nutzte. Säuselnde, kaum in Worte zu fassende Klanggebilde erfüllten den Kirchenraum.

Im Improvisationsworkshop an der Orgel der Kapuzinerkirche teilten die Teilnehmenden ihre Erfahrungen und Ansätze für ein Musizieren jenseits historischer Satzmodelle. Zwischen Minimal Music, geschichteten Klangflächen und groovenden Pattern entstand ein vielfältiges Panorama improvisatorischer Möglichkeiten. Besonders die Duoimprovisation von Jack Day an der Orgel und Elham Hamedi an der Kamantsche beeindruckte durch das feinfühlige Aufeinander-Eingehen und die gegenseitige Imitation kleiner Gesten und Obertonspektren.

In einem Open Talk diskutierten die Teilnehmenden in wechselnden Gesprächsrunden über Vernetzung, Kooperation, Förderung, Vermittlung, Ausbildung und das künstlerische Selbstverständnis Neuer Musik in der Kirche. Dabei ging es nicht allein um die Bestandsaufnahme bestehender Initiativen und Strukturen, sondern auch um Perspektiven gemeinsamer Projekte und die Frage, wie zeitgenössische Kirchenmusik künftig stärker sichtbar werden kann.

Zwei Konzerte ergänzten das Symposium um unmittelbare musikalische Erfahrungen. Die renommierte Düsseldorfer Sopranistin Irene Kurka sang Michael Schultheis’ Missa simplex für Stimme solo. Tobias Hagedorn führte gemeinsam mit Dominik Susteck dessen Werk Richtungsgleiche für Orgel und Elektronik auf, Annie Bloch präsentierte Ausschnitte aus ihrem Album luvt. Kerstin Petersen spielte ein Werk von Ruth Zechlin. Darüber hinaus improvisierten Frank Danksagmüller, Sarah Proske, Jack Day, Elham Hamedi und Dominik Susteck – letzterer sogar gemeinsam mit zwei weiteren Musikern.

Die Netzwerktage machten das außergewöhnliche künstlerische Potenzial einer Szene sichtbar, Traditionen nicht einfach fortschreibt, sondern kritisch befragt, transformiert und erweitert. Mit ihren Kompositionen, Improvisationen, Forschungsprojekten und neuen Konzertformaten erschließen sie Erfahrungsräume, die das Verhältnis von Orgel, Kirchenraum und zeitgenössischer Musik neu bestimmen.

Die große Motivation und der spürbare Austauschbedarf der Beteiligten unterstrichen den Wunsch, mit dem Netzwerk die musikalische Gegenwart der Kirche sichtbarer zu machen, neue Kooperationen anzustoßen und zeitgenössischer Kirchenmusik eine selbstbewusste Stimme in der Öffentlichkeit zu geben. Ein großer Dank an geht an Tobias Leschke für die Fortführung und Ermöglichung dieser Initiative.

 

Michael Schultheis

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