Es gehört zu den merkwürdigen Lücken der Orgelbauliteratur, dass über die wohl bedeutendste britische Orgelbaufirma des 19. Jahrhunderts bislang keine umfassende Monographie existierte. Hannes Ludwig hat diese Lücke erkannt und während der Corona-Pandemie ein mehr als 500-seitiges Opus zu Hill-Orgeln erarbeitet. Das Ergebnis darf als Grundlagenwerk gelten.
William Hill gehörte zu den bedeutendsten englischen Orgelbauern seiner Generation: Er trieb die Transformation der Orgel zum reifen viktorianischen Instrument voran und legte das Fundament für Willis, Lewis und andere. Großinstrumente wie die 75-Register-Orgel für York Minster (1834), die Westminster Abbey und die Sydney Town Hall machten die Firma zur führenden Kraft des britischen Orgelbaus.
Der vorliegende Band vereint Beiträge von acht Autoren aus Großbritannien, Deutschland und Australien. Nicholas Thistlethwaite behandelt die Familien und Firmengeschichte, John Maidment erschließt auf 64 Seiten die Hill-Orgeln in Australien, ein Kapitel, das zeigt, wie weit das Erbe des britischen Empire in der Orgellandschaft nachklingt. Paul Hale widmet sich den Klangkonzepten Dr. Arthur Hills, Andreas Mähnert dokumentiert das Kilbarchan-Restaurierungsprojekt, das für Ludwig Ausgangspunkt des gesamten Buchprojekts war. Weitere Kapitel zu Mensuren, Pfeifenwerk, Trakturen und Prospektpfeifen sowie ein Faksimile des Firmenkataloges von 1913 machen das Werk zu einer echten Enzyklopädie.
Die Bildausstattung ist bemerkenswert: Fotografien, Dispositionen, Pläne und Aufnahmen erhaltener Instrumente lassen die Stationen der Firmengeschichte lebendig werden.
Als Selbstverlagspublikation fehlt punktuell das Korrektiv eines wissenschaftlichen Lektorats; der Apparat hätte gelegentlich strenger vereinheitlicht werden können. Das mindert den Wert des Bandes freilich kaum.
Ludwig hat auf eigene Kosten recherchiert, ein internationales Netzwerk von Orgelsachverständigen und Restauratoren zusammengeführt und ein Werk geschaffen, das diese Expertise in beeindruckender Breite bündelt. Als erste ausführliche Darstellung des englischen Orgelbaus in deutscher Sprache dürfte es für den Fachdiskurs hierzulande unverzichtbar sein.
Die 300. Veröffentlichung der Gesellschaft der Orgelfreunde hat eine würdige Wahl getroffen.
Tobias Leschke