Reiner Schuhenn war von 1999 bis 2021 Professor für Chor- und Orchesterleitung an der Hochschule für Musik und Tanz Köln, die er von 2009 bis 2013 auch als Rektor leitete. Mit „Lust am Singen” legt er nun ein Buch vor, das bewusst nicht an seine bisherige Zielgruppe gerichtet ist: Während seine früheren Werke Chorleiter*innen adressierten, richtet sich dieses Buch direkt an die Sängerinnen und Sänger selbst – und an solche, die es werden wollen. Das ist keine Kleinigkeit und Schuhenn selbst benennt die Schieflage im Vorwort offen: Warum gibt es für die vergleichsweise kleine Gruppe der Chorleiter zahlreiche Fachbücher, für die weit größere Gemeinschaft der Chorsänger*innen aber kaum eine Handreichung? Seine Antwort: Die Bedürfnisse und Fragen der einzelnen Sängerin, des einzelnen Sängers wurden bislang schlicht zu wenig ernst genommen. Dieses Buch kann somit als ein Versuch gelten, das zu ändern.
Schuhenn beginnt mit der einfachsten und zugleich sicherlich auch tiefgründigsten Frage: Warum singen wir überhaupt? Und warum ausgerechnet im Chor, der regelmäßige Probenanwesenheit verlangt? Die Antworten, die er aufzählt, sind bewusst vielfältig gehalten – Geselligkeit, Spaß, der Wunsch nach Gemeinschaft, die Liebe zur Musik, der Erhalt von Kultur vor Ort – und doch geht er über diese naheliegenden Motivationen hinaus. Singen, argumentiert er, sei im tiefsten Sinne ein Mittel zur Selbstartikulation: Man stelle sich bis zu einem gewissen Grad öffentlich, wachse über sich hinaus und stärke dabei gleichzeitig die eigene Sozialkompetenz. Zudem belegt er die gesundheitliche Dimension wissenschaftlich: Herz-Kreislauf-System, Immunabwehr, Hormonhaushalt – Singen wirkt sich nachweislich positiv auf Körper und Geist aus.
Der nächste große Gedankengang führt zur Frage der Chorwahl. Ob Popchor oder Klassikensemble – Schuhenn gibt eine nüchterne, praxisnahe Orientierungshilfe, ohne dabei zu werten. Daran schließen sich Kapitel an, die den Leser Schritt für Schritt durch das konkrete Chorleben begleiten: das Erlernen von Noten und Fachbegriffen, die Vorbereitung auf die Probe, die Frage der Anwesenheitspflicht – die Schuhenn ausdrücklich als eine Frage des Selbstverständnisses und der Verlässlichkeit behandelt, nicht als bloße Konvention.
Ein eigener thematischer Block widmet sich dem Weg zum Konzert: Was wann passiert, was man vor der Aufführung noch essen darf, wie man mit Nervosität umgeht und was beim Konzert selbst geschieht. Diese Kapitel sind bewusst knapp und direkt gehalten – sie geben Orientierung, ohne zu bevormunden. Daran schließen sich Überlegungen zur Stimmfitness an, bevor Schuhenn den Blick weitet: Reicht Singen allein aus, oder braucht es die Gemeinschaft des Chores als belebende Kraft? Und hat das eigene Mitwirken vielleicht sogar eine gesellschaftliche Bedeutung, die über den Probenraum hinausgeht? Diese Fragen beantwortet Schuhenn mit einem klaren Ja und einem gesellschaftlichen Plädoyer für die Chorkultur.
Das letzte inhaltliche Kapitel – „… und nun fangen wir wieder klein an” – ist ein Aufruf zur Kreativität und zum Neubeginn, der das Buch auf eine offene, ermutigende Note abschließt. Ein kleines musikalisches Glossar am Ende bietet praktische Hilfe für alle, die mit Fachbegriffen noch auf Kriegsfuß stehen.
Was das Buch von einem bloßen Ratgeber unterscheidet, ist sein Ton. Schuhenn schreibt nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe – mit der Wärme eines Menschen, der selbst ein Leben lang mit und für Chöre gearbeitet hat. Die handgeschriebenen Leitgedanken, die sich durch die Seiten ziehen – „Wer singt, ist eins mit sich selbst” oder „Atmen, Singen, Sich-aufgehoben-Fühlen. Gutes für Leib und Seele” – verleihen dem Band eine persönliche, fast meditative Qualität.
Besonders gelungen ist die ehrliche Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld zwischen Individuum und Gruppe: Chorsingen bedeute nicht, die eigene Stimme aufzugeben, sondern sie gemeinschaftsfähig zu machen. Diese Haltung – respektvoll gegenüber dem/der Einzelnen, klar in der Sache – prägt das gesamte Buch.
Fazit
„Lust am Singen” ist auf seinen 80 Seiten erstaunlich dicht. Es verbindet persönliche Reflexion, praktische Orientierung und gesellschaftliche Perspektive zu einem stimmigen Ganzen – und das mit einer Leichtigkeit, die dem Thema ausgezeichnet steht. Schuhenns Bücher gelten bereits als wichtige Werke für Chorleiterinnen und Chorleiter; mit diesem Band zeigt er, dass er auch die Sängerinnen und Sänger selbst zu erreichen versteht. Ein kleines Buch mit großem Herz – für alle, die singen, und alle, die es endlich anfangen wollen.
Dr. des. Tobias Leschke