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Klangraum Kirche
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System oder Poesie? Diskussion

10. September 2021
Wiesbaden
Blickpunkt
Ein Mail-Trialog von Manuel Knoll, Niklas Sikner und Dominik Susteck

Musik ist geschlossen und offen zugleich, System und Poesie, Tradition und Erneuerung. Ein Trialog im Anschluss an ein Konzert am 19.8.2021 in der Lutherkirche Wiesbaden.

Manuel: Der Topos von „offenen Systemen“ war mir im Prinzip bekannt, aber beim nochmals darüber nachdenken habe ich doch gemerkt, dass ich es noch nicht ganz fassen kann. An welcher Stelle waren die Tonsysteme der musikalischen Tradition tatsächlich geschlossen? Und welche Art von Geschlossenheit, bzw. Definiertheit braucht es für neue Musik, damit sie eben doch nachvollziehbar und plastisch werden kann (wie ich das bei Deinem Konzert erlebt habe)? Auch zum Thema „angewandter Tonsatz“ und sich bewegen in „alten Sprachen“, die aber doch auch zeitgenössisch als frisch und sprechend empfunden werden können, fahren mir noch viele Gedanken im Kopf herum.

Dass mein Kirchenmusikstudium nun zu Ende geht, ohne dass ich mich wirklich substanziell mit Neuen Musiken (nach Alain, Durufle) auseinandergesetzt hätte, hat mich auch ein wenig beschämt. Aber dass man in so einer Studienetappe auch nicht alles unterkriegt, zumal, wenn einen die Stimme und das Chorleiten ebenso interessiert, muss einen vielleicht nicht allzu sehr bekümmern. Das Lernen geht ja weiter.

Dominik: Die Vergleiche hinken natürlich und es handelt sich um ein sehr komplexes Thema. Aber ich würde es mal folgendermaßen versuchen: Zeitgleich mit der Entwicklung des Bürgertums, Beethoven, hat sich tatsächlich auch die Freiheit im Komponieren sehr stark vergrößert. Man sieht bei der Entwicklung zur Romantik, dass sich vor allem in sekundären Parametern, Lautstärken, Artikulation, Form, eine immer größere Differenzierung ausbildet. Was den Komponisten eine immer größere Möglichkeit der Einbeziehung dieser Parameter anbietet. Zudem entwickelten sich die Instrumente, die Besetzung wurde z.B. bei Beethoven um immer mehr Schlagwerk erweitert. Und so wurde natürlich immer mehr gefragt, warum mache ich es so? Ganz banal und mit Theodor W. Adorno gesprochen, ist es eben die Aufgabe eines Künstlers, der Wirklichkeit etwas hinzuzufügen, was noch nicht da war. Das galt eigentlich schon immer, z.B. eine für uns banale Form eines Crescendos wurde im berühmten Mannheimer Crescendo eigentlich erst in der Wiener Klassik nach und nach „erfunden“.

Dies könnte man jetzt einen künstlerischen Diskurs nennen, die dialektische Entwicklung zwischen den Komponisten. Buxtehude schrieb seine Chaconne c-Moll, Bach daraufhin seine Passacaglia c-Moll – und „übertrumpft“ grandios den Vorgänger. Sicher haben sich auch die entsprechenden Sprachsysteme wie die Tonalität immer mehr geöffnet. Ein Vergleich wäre die Sprache – während Goethe noch gereimt hat, können zeitgenössische Dichter jetzt nur mit einzelnen Worten oder Wortfetzen arbeiten. Das didaktische System ist also gar nicht mehr nötig, es ist quasi nur noch eine Ausdrucksmöglichkeiten unter vielen. Während der „Faust“ zu seiner Zeit modern war, würde ich mich als zeitgenössischer Autor ja eher lächerlich machen, wenn ich ein ganzes Buch in Reimen vorlegen würde.

Im Übrigen könnte ich als Dichter auch eine Geschichte nur mit Worten oder Gesten erzählen, es ist kein in sich geschlossenes System dafür erforderlich. Dies kann man wahrscheinlich aber nur aus heutiger Perspektive verstehen, für Goethe eher undenkbar. Und so verpuffen natürlich auch alte Formen, während Bach seine Fugen ausschreibt, spielen Mozart oder Beethoven teils nur noch mit angedeuteten Fugen, sie deuten an, brechen ab. Als wollten sie sagen: guck mal hier, könnte ich auch machen. Natürlich besteht auch innerhalb von Tonalität ein gewisser kreativer Spielraum, den vor allem berühmte Komponisten auf ihre Weise immer weiter ausgehebelt oder an die Grenzen getrieben haben (so warf man Mozart ja „zu viele Noten“ vor o.ä.). Aber die Tonalität ist selbst nur eine Form von künstlerischem Ausdruck, eine Variante unter vielen.

So kommt dann bei Wolfgang Rihm auf einmal mitten in der Atonalität ein Walzer vor (im Orgelstück “Bann, Nachtschwärmerei”). Alles überwunden, die Andeutung reicht: hier, eine Variante, hier klingt es nach früher. Kunst ist ein Erkenntnisprozess, nicht nur intellektuell, sondern auch emotional. Aber selbstverständlich würde das Befolgen irgendeines Systems oder einer Tonalität überhaupt nicht reichen, um wirklich in einen Diskurs einzusteigen. Dafür muss man erstmal vieles kennen und wissen, was es zu diesem Bereich überhaupt gibt. Das wäre allerdings in den meisten Bereichen so. Ein Architekt muss ja auch erstmal die aktuellen Lösungen kennen. Und erst dann macht es Sinn, zu schauen, wie es vor hundert Jahren war. Es ist immer wieder erstaunlich, dass es bei Musik offenbar nicht wichtig zu sein scheint, die Gegenwart zu verstehen. Damit macht man sich nur zum Sklaven des typischen „Klassikinterpreten“, ohne die Bedeutung von Kunst hinterfragt zu haben. Wobei das jetzt sehr überspitzt formuliert ist. Auf einen Einwand bin ich jedenfalls gespannt.

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Niklas: Ich bin nicht sicher, ob die größere Differenzierung in den Parametern Lautstärke und Artikulation bei der Entwicklung zur Romantik sich auf das Musizieren oder auf die Notation bezieht. Vielleicht geht die Entwicklung dahin, dass der Komponist stärker vorgibt, was vorher dem Interpreten überlassen war. Was einerseits den Willen des Komponisten stärkt, andererseits die Rolle des Interpreten verändert – aus einem Notentext, der rhetorisch zu interpretieren ist und dem Aufführenden viel Freiheit lässt, wird ein Werk, das den Vorstellungen des Komponisten entsprechend wiederzugeben ist.

Ich habe darüber nachgedacht, weswegen Neue Musik in den Konzerten und im Studium so unterrepräsentiert ist (mir geht es da ähnlich wie Manuel). Was ich im Hof gesagt habe, dass man ab 1920 nicht mehr mitsingen kann, greift wohl zu kurz. Sicher spielt diese „Überforderung“ gelegentlich eine Rolle – aber wir sind ja, unter anderem durch Soundtracks von Filmen, mittlerweile ganz andere Dinge gewöhnt. Das kann also eigentlich nicht der Grund sein. Vielleicht eher die Reihe von Vorurteilen? Dass Neue Musik “verkopft” oder „schräg“ sei?

Ich habe gestern nochmal zwei Aufnahmen aus dem Konzert von Donnerstag gehört. Für mich fehlte bei den Aufnahmen absolut das Raumgefühl aus dem Konzert; viel mehr als bei einem Bachpräludium oder einer Francksonate, von denen noch sehr viel übrig bleibt, wenn man sie auf Lautsprechern hört. Das sagte mir auch eine Konzertbesucherin: im Radio würde sie immer abschalten, wenn Neue Musik kommt; in der Kirche habe sie das Konzert sehr genossen.

Und die Leute waren unglaublich fasziniert und beeindruckt, dass eine Orgel “so” klingen kann.

Manuel: Ja, der Raum ist sicherlich auch Ausdrucksträger, vor allem glaube ich, ist aber der Aspekt der leiblichen Präsenz wesentlich, um sich auf wirklich Neues einzulassen. Zumindest geht es mir so: Wenn ich für mich etwas höre, wie gut auch die Stereoanlage sei, ist doch meist entweder der „bloß“ unterhaltende oder der „bloß“ informative (analytische) Aspekt im Vordergrund, weniger der Aspekt des Erlebens, Lauschens, sich Einlassens. In dem ich räumlich dabei bin, nötige ich mich dazu, ganz dabei zu sein.

Der Gedanke dazu, inwieweit Parameter der Musik „implizit“ oder „explizit“ seien, finde ich auch sehr gut. Vielleicht ist es der Gang der Geschichte, dass ein immer größeres „Zu sich kommen“ im Sinne des Reflektierens und Analysierens dann auch wieder die reflektierten Gegenstände auf das begrenzen, was dem Reflektieren eben überhaupt nur zugänglich ist.

Überrascht hat mich bei dir, Dominik, dass du dem Willen des Komponisten und dem „Festzurren“ des Ausdruckswillen des Komponisten durch möglichst präzise Notation und Information so viel Wert beimisst. Mein Vorurteil von Neuerer Musik war immer, dass es eigentlich immer um möglichst viel Spielraum und Spielfläche geht und immer weniger um das definierte Werk. Aber da ist, wie gesagt, sehr viel Vorurteil dabei.

Über die Tonalität als künstlerische Ausdrucksmöglichkeit unter vielen Ausdrucksmöglichkeiten. Ich verstehe den Punkt. Aber vielleicht ist das ein wesentlicher Punkt. Ist die Kunstform, die ganz auf Tonalität, oder sagen wir, auf eine Tonsprache, verzichtet, dann noch „Musik“, oder eben eine andere Spielart von Performancekunst. Das berührt vielleicht auch den Punkt der Akzeptanz Neuer Musik. Wird das, was zu hören ist „als Musik“ wahrgenommen?

Der Dialog der Künstler über die Zeiten hinweg, über das, was Kunst sei. Ich für meinen Teil frage mich eben immer wieder, ob neben dem Kennen eben auch das Können des Älteren von Nöten ist, um in diesem Dialog partizipieren zu können. So wie eben wohl auch noch Wagner im Generalbass geschult ist und das Fugenschreiben bei Mozart und Beethoven als vorausgesetzt betrachtet werden kann, stellt sich für mich als musikalisch Lernenden eben die Frage, inwieweit das Erlernen dieser älteren Techniken (zum Beispiel das Improvisieren in historischen Stilen) dann nicht doch essenzieller Bestandteil ist, um sich irgendwie künstlerisch einbringen zu können. Und zum Faust. Vielleicht ist der Vergleich wirklich nicht schlecht: Es würde doch sicherlich auch heute Menschen beeindrucken, bewegen, ein kunstvoll gereimtes Drama zu lesen. Aber natürlich, es hätte immer nur den Charme des Alten. Vielleicht ist die Orgel da aber eine Besonderheit, da man hier ja einen real existierenden Klangkörper hat, von dem man merkt, er wird in gewissen Stilen anders – vielleicht stimmiger – zum Klingen gebracht, als in anderen. Und um den Klang erleben zu können, ist es dann wichtig, sich der älteren Sprachen zu bedienen. Vielleicht wäre dann höchstens noch die Frage zu stellen, ob es dann Kunst im engeren Sinne, und nicht im weiteren Sinne einer Handwerkskunst zu nennen ist.

Mein abschließender Gedanke wäre, dass das Neue immer einen Nährboden braucht, von dem es sich abheben kann und als Neues in Erscheinung treten kann. Und womöglich hat das Kreisen um die „klassische“ (barocke und romantische) Musik mit dem Gefühl zu tun, dass es um diesen Nährboden nicht so gut bestellt ist.

Dominik: Es liegt mir fern, die Ausdifferenzierung der Noten als Festzurren zu begreifen, eigentlich habe ich da keine Meinung zu. Es dient lediglich zum Verständnis, was Komponieren überhaupt ist. Und während die Schreiber der Gregorianik bei ihren kunstvollen Melodien lediglich in bestimmten Modi aufhielten, ist eine Beethoven-Sinfonie einer Fülle kompositorischer Entscheidungen geschuldet, also die Freiheit hat eklatant zugenommen, würde ich sagen. Das wiederum führt natürlich auch zur Aufgabe bestimmter Aspekte sowie auch in der Neuen Musik wieder zu Elementen des Improvisatorischen (graphische Partitur o.ä.).

Nun zu dem Punkt, warum es die Neue Musik teilweise schwer hat: Sie transportiert nämlich eine Freiheit, deren Existenz und Emotionalität in unserer bürgerlichen Gesellschaft und in der Kirche vielleicht gar nicht erwünscht ist. Auch in der Demokratie scheinen sich gleich und gleicher, arm und reich, Mann und Frau sowie eine konservative Werteordnung stark durchzusetzen. Nicht von ungefähr gibt es bei Cage, Morton Feldman aber auch vielen europäischen Komponisten eine Hinwendung nicht nur zum Rationalen, sondern auch zur Mystik und zum Zen. Denn hier öffnet sich auf einmal die Emotionalität zu einer (inneren) Freiheit, die ich auch in einigen Werken neuer Musik verspüren kann. Das offene, absichtslose Hören, das Wahrnehmen wird zum A und O. Aber sind wir und die Gesellschaft wirklich dazu bereit?

Niklas: Es macht mir richtig Spaß, Eure Gedanken zu lesen. „Das offene, absichtslose Hören und Wahrnehmen“ und „der Nährboden, von dem sich das Neue abheben kann“ klingt spannend! Mein Improvisieren im Gottesdienst profitiert jedenfalls aktuell sehr von den kreativen Schüben jede Woche, musikalisch und intellektuell.